Wissen ist Macht. Oder doch nicht?

Im Jahr 1982 haben sich auf einem Kongress in Alpach, Tirol, Schamanen aus ganz unterschiedlichen Ecken und Kulturen der Welt getroffen. Sie saßen damals zum ersten Mal miteinander an einem Tisch und waren sich einig, daß die Zeit vorbei sei, in der sie es sich leisten konnten, in ihrem Leben nur einen oder zwei Schüler als ihre potentiellen Nachfolger auszubilden. „Der Planet ist in schlechtem Zustand", war ihre Diagnose, „deshalb muß unser Wissen in die Welt. Wir müssen versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen, die unsere Botschaft annehmen und umsetzen können, damit wir gemeinsam mit ihnen diese Entwicklung aufhalten." Sie hatten sich damit ganz bewußt auch an uns Bewohner des christlichen Abendlandes gewandt.

Nicht erst seither sind Westler von den nativen Kulturen fasziniert. Sogar in den schlimmsten Zeiten der Eroberung und Ausrottung im Zeichen des Kreuzes waren da immer auch einzelne Missionare darunter, die begriffen hatten, daß sie sich in dieser fremden Welt durchaus einer hochentwickelten Kultur mit Wissen und Weisheit gegenübersahen. Sie hatten nur wenig Chancen, den Kontakt aufzunehmen und von den „Wilden" zu lernen, oft wurden später sogar ihre Aufzeichnungen verbrannt.

Viele Europäer und Amerikaner haben inzwischen versucht, dieses Manko aufzuholen. Sie besuchen nach wie vor unzählige Seminare, in denen sie ein Stück der Ekstase zu erlangen hoffen, die ihnen die eigene Tradition nicht mehr ermöglicht. Was ja auch immer wieder gelingt.

Und doch war es für mich meistens seltsam zu beobachten, wie glücklich ein paar Menschen ein Wochenende lang durch den Wald taumeln oder mit bebenden Lippen in irgendwelche Spiralen wanken, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, daß dieses Erlebnis irgendetwas mit ihrem „richtigen" Leben, sprich dem Alltag in Büro und Familie, zu tun haben könnte oder sogar sollte. „Spiritouristen" hat sie meine Freundin Trixa genannt und damit diejenigen gemeint, die sich nur ein Stück Exotik in ihr langweiliges Leben hereingeholt haben, um es danach - eben wie nach einer gut organisierten Fernreise - wieder eine Zeitlang leichter zu ertragen.

Trotzdem haben auch diese Leute in Workshops etwas gelernt. Da und dort sind doch ein paar Techniken hängengeblieben, die aber keineswegs immer in das entsprechende Weltbild eingebettet wurden. Ganz im Gegenteil, sie wurden manchmal, kombiniert mit der überheblichen Sichtweise der „Macher", zu einer gefährlichen Waffe!

Ein Beispiel ist mir unvergeßlich: Don Eduardo Calderon Palomino, der peruanische Schamane, hat einen gewissen Kreis von Leuten über längere Zeit ausgebildet, darunter einen hohen Parteifunktionär. Dieser Mann hat entgegen allen Warnungen sein Wissen um das menschliche Energiefeld und dessen mögliche Störungen dazu benützt, politische Gegner fertig zu machen. Und das durchaus erfolgreich! Eingehandelt hat er sich aber dadurch auch den totalen Zusammenbruch seiner beruflichen und privaten Existenz: seine Frau hat ihn verlassen, ist allerdings ein Jahr später schwer krebskrank wiedergekehrt und gestorben, sein Sohn ist auf kriminelle Abwege geraten, und er selbst wurde nicht nur seiner Position enthoben, sondern auch wegen Veruntreuung vor Gericht gestellt. Daß er diesen Prozeß nach Jahren doch gewonnen hat, war ein schwacher Trost; er hat nie mehr an sein früheres Leben anknüpfen können.

Don Eduardo hatte ganz bestimmt nicht vor, solche Unternehmungen zu begünstigen, er hat oft betont, daß die Form der Energie, die wir aussenden, zu uns zurückkommt, daß wir mit unserem Wissen immer sehr sorgsam und verantwortlich umgehen müssen, ja, daß die Verantwortung mit dem Wissensstand wächst und damit auch die „Bestrafung" für Handeln wider besseres Wissen strenger wird.

Serge Kahili King ist sogar der Meinung, daß der entscheidende Faktor dabei gar nicht darin besteht, daß unser destruktiver Wunsch als zerstörerische Energie zu uns zurückkommt, wenn wir nicht gut geschützt oder auf einen mächtigeren Gegner gestossen sind. Nein, er sagt, die Selbstzerstörung beginnt schon mit der Erschaffung einer negativen, feindseligen, lieblosen Gedankenform. Dieser Vorgang bewirkt bereits, daß wir selbst Energie verlieren und Schaden nehmen. Das läßt sich mit Hilfe eines kinesiologischen Muskeltests leicht nachweisen.

Und doch hat Don Eduardo erzählt, daß er „technisch" am meisten von „brujos", Zauberern, gelernt hat, die sich eher schwarzmagisch betätigt haben, weil sich der weißmagische, heilende, schamanische Weg nicht durch äußerliche Besonderheiten von dem der Spezialisten für Schadenszauber unterscheidet. Das Denkmuster dahinter, die liebe- und respektvolle Absicht macht den Unterschied!!

In diesem Sinn kann man auch als relativ wenig versierter Stadtschamane nichts falsch machen, solange die Haltung, die geistige Einstellung stimmt, solange man die liebevolle Zuwendung zur Richtschnur macht. Das hab ich den vielen Jahren der Arbeit mit schamanischen Methoden gelernt. Das hat mir aber vor allem auch Don Eduardo klar gemacht, als er mich 1983 als damals noch sehr unkundige Schülerin, die immer wieder die Elemente des rituellen Ablaufs durcheinandergebracht hat, initiiert hat.

Es geht nicht um eine im ethnologischen Sinn genaue Kopie indianischer, hawaiianischer oder irgendwelcher anderen Traditionen. Es geht um das schamanische Weltbild, um das Verständnis des Netzwerks im Universum, in das wir eingebunden sind, um Liebe und Respekt gegenüber allen Wesenheiten, den in der alltäglichen Wirklichkeit sichtbaren und unsichtbaren. Und dazu gehört auch, daß schamanische Techniken nicht leichtfertig und zum Zeitvertreib, quasi aus Sensationslust, verwendet werden.

Warum, glauben Sie, gibt es in stabilen, nativen Traditionen, die durchaus rituell halluzinogene Pflanzen verwenden, kein Drogenproblem? Natürlich, weil die Menschen dort kein Manko an ekstatischen Erfahrungen haben, weil sie „Zauberkräuter" für heilige Pflanzen halten und den Geist dieser Pflanzen nur aus einem wichtigen Grund, z.B. zum Zweck der Heilung, und in einer bestimmten Form, in einer gemeinsamen Zeremonie, um Unterstützung bitten. Einem Angehörigen einer schamanisch geprägten Kultur würde es niemals einfallen, mit Hilfe von San Pedro oder Ayahuasca auf einen privaten Trip zu gehen.

Daß das aber sogar mit an sich ganz harmlos scheinenden Mitteln möglich ist, hat mir vor kurzem eine Bekannte demonstriert. Sie war in einem schamanischen Basisseminar, und hatte sich die dort angebotene Trommel-CD gekauft. Offensichtlich war in diesem Kurs vermittelt worden, daß diese CD das ideale Medium sei, um auch in einer hellhörigen Neubauwohnung auf eine Reise in die nichtalltägliche Wirklichkeit gehen zu können, ohne mit den Nachbarn Schwierigkeiten zu bekommen. Was aber vermutlich weit weniger deutlich betont worden war, war die Tatsache, daß kein Schamane auf eine Trommelreise gehen würde, nur weil im Fernsehen grad nichts Interessantes im Programm ist.

Diese Bekannte jedenfalls benützte die CD wie Junkies Drogen, sie suchte den Kick, das spektakuläre, nie dagewesene Erlebnis ohne jeden Zusammenhang zum Hier und Jetzt. Und so wie andere Leute an Abend fernsehen, hat sie sich allabendlich mit den Kopfhörern hingelegt und einen Neo-Schamanen für sich trommeln lassen. Meine Ratschläge und Warnungen hat sie mit süffisantem Lächeln abgetan, so als neidete ich ihr ihre tollen Erfahrungen, den Tanz mit dem Bären und einiges mehr.

Die Folgen waren katastrophal: Sie hat über Tage und Wochen jeden Boden unter den Füßen verloren und ist in paranoide Zustände gekippt. Sie war nicht mehr arbeitsfähig, hat tagelang ihre Wohnung nicht mehr betreten, weil dort schwarze Nebel waren, und hat zu guter Letzt mir unterstellt, ich wolle sie auf magische Weise umbringen.

Natürlich ist mir klar, daß jemand für solche Abstürze schon prädisponiert sein muß, sonst kann so etwas nicht in dieser heftigen Form passieren. Tatsache ist aber auch, daß es in solchen Seminaren keinen Eignungstest gibt und daß diese Werkzeuge jedem gegeben werden, der sie bezahlt. Und das mit nicht ausreichender Erklärung.

Serge Kahili King sagt dazu ganz ausdrücklich, daß ein guter Schamane maximal zu 99% in die nichtalltägliche Wirklichkeit reisen darf. 1% muß immer in der alltäglichen Wirklichkeit verankert bleiben, damit gewährleistet ist, daß der Schamane die Frage, mit der er sich auf den Weg gemacht hat, nicht verliert und die Antwort zurückbringen kann.

Abgesehen davon kann ich persönlich beim besten Willen nicht akzeptieren, daß der Trommelrhythmus via Kopfhörer physiologisch die gleiche Wirkung haben soll wie der Klang einer Trommel, der voll ins vegetative System geht. Und noch weniger plausibel scheint mir, daß die liebevolle Zuwendung eines kundigen Menschen, der für mich trommelt und meine Reise überwacht, sofern ich das noch nicht für mich selbst kann, so leicht verzichtbar sein soll. Meine Erfahrung ist eine andere. Wir sollten nicht vergessen, daß in allen schamanischen Traditionen mit gutem Grund die Gemeinschaft, der Kreis von Gleichgesinnten, für wichtig und energetisch stärker als die Summe ihrer Teile gehalten wird.

So ist es also mit den schamanischen Techniken wie mit jedem anderen Wissen: Der Kundige ist nicht mehr im Stande der „Unschuld", er kann nie mehr so tun, als wüßte er nicht, was er weiß. Damit übernimmt er die Verantwortung für die Anwendung dieses Wissens. Und da das Alte Wissen, wie es uns Schamanen vermitteln, sehr machtvoll ist, ist auch die Verantwortung groß.

Edward Teller, der Vater der Wasserstoffbombe, kann auch nicht so tun, als hätte er nur Wissenschaft betrieben und mit der praktischen Anwendung seiner Erfindung nichts zu tun. Meine ich halt. Sie nicht?


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